Eine kleine historische Reise in die Welt der Comics

Geschrieben im Jahre 2008. Ursprünglich das erste Kapitel einer Abhandlung zum Einsatz von Comics im Fremdsprachenunterricht

 

Der Comic. Als, laut Duden, Kurzform des Comicstrips[1], avancierte diese spezielle Form moderner Literatur, zu einer eben solchen. Wenige Kunstformen mit dem eigentlichen Zweck der reinen Unterhaltung, durchliefen ein solch ausgeprägtes Auf und Ab wie der Comic.

In seinen Anfängen[2] vom klassischen Comicstrip eines Yellow Kid[3], über den Sprung zum eigenständigen Heft eines Superman oder Batman, bis hin zur reinen Kunstformversion wie den Comics eines Neill Gaiman, stieß er immer wieder auf wechselnde Akzeptanz. Während in den 1950er Jahren in den USA der Comic-Code erlassen wurde, ein Gesetz, welches es dem Staat ermöglichte Comics schon bei Ihrer Entstehung inhaltlich zu zensieren, wurde er in den 1960ern vor allem in Europa als revolutionäres Mittel verstanden und missbraucht um dann im Jahre 1971 dann als 9. Kunstform geadelt zu werden.

Mittlerweile ist der Comic allgegenwärtig und weitgehend durch alle Schichten hinweg akzeptiert.

Wenn dem so ist, ist es dann nicht möglich den Comic gezielt als pädagogisches Hilfswerkzeug einzusetzen, da die Zielgruppe dieser Kunstform vor allem im Kinder und Jugendbereich zu finden ist?

Und wenn dem so ist, wie kann man ihn zum Beispiel dann lernfördernd und pädagogisch sinnvoll in den Englischunterricht integrieren?

Diesen Fragen und weiteren, die sich daraus ergeben oder neue aufwerfen, werden auf den nachfolgen Seiten nachgegangen, nachdem der historische Kontext des Comics beleuchtet, ein kleiner Blick nach Fernost geworfen und ein kurzer Überblick ob der Methodik des Fremdsprachenunterrichts gegeben wurde.

 

1. Die Geschichte des Comics

 

1.1. Ursprung des Comics

 

1.1.1 Das erzählende Bild – von der Frühgeschichte bis zum Mittelalter

 

Auch wenn der Comic, so wie wir ihn heute kennen, seinen Ursprung Ende des 19. Jahrhunderts hat, so ist nicht von der Hand zu weisen, dass Bildergeschichten bereits seit Jahrtausenden ständige Begleiter der Menschheit waren.

Selbst in ihren jungen Anfängen, vermutlich sogar noch vor Entwicklung einer strukturierten Sprache, malten unsere Vorfahren Bildergeschichten an die Wände ihrer Höhlenbehausungen.

Bei manchen dieser Zeichnungen wurde eine Technik verwendet, die in abgeänderter Form selbst heute noch beim Gestalten von Comics verwendet wird. Es gibt [dort] Tierdarstellungen, deren Umrisse mehrfach gedoppelt sind; das sind so Effekte […] um Bewegung aufzuzeigen. [4]

Die ersten echten Bildfolgen, also Sequenzen, die essentieller Teil eines modernen Comics sind, entstanden nach heutigem Wissensstand in Ägypten. Eine eindrucksvolle Sequenz wurde vor fast 3400 Jahren an die Wände des Grabes von Menna, eines altägyptischen Schreibers, gemalt.[5] Wichtig ist, vor allem bei Betrachtung der Grabmalerei in Ägypten, dass Bilderfolgen nicht mit Hieroglyphen verwechselt werden. Hieroglyphen darf man nicht mit sequenzieller Kunst vergleichen, wie dies aus Unwissenheit oft geschieht.

Auf den ersten Blick scheint unsere Definition[6] wunderbar auf Ägyptische Hieroglyphen zu passen. Dabei hängt aber viel davon ab, in welchem Sinn wir das Wort „Bildlich“ gebrauchen. Ich verwende es, um wenigstens eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gegenstand auszudrücken. Aber diese Hieroglyphen bezeichnen lediglich Laute, ähnlich wie unser Alphabet. Daher ist Ihr wahrer Nachfahre das Schrifttum und nicht der Comic.[7]

Doch nicht nur die ägyptische Hochkultur konnte mit eindrucksvollen Bilderfolgen aufwarten. Nahezu 2800 Jahre später entstand ein weiteres eindrucksvolles Werk. Die präkolumbianische Bilderhandschrift, von Cortez im Jahre 1519 entdeckt, erzählt die Geschichte eines […] militärischen und politischen Herrschers Acht Hirsch „Jaguarkralle“[8]  Eindrucksvoll wird in der Bildergeschichte beschrieben, wie Jaguarkralle einen anderen Prinzen im Zweikampf tötet. Etwa um die gleiche Zeit entstand in Europa der Wandteppich von Bayeux. Dieser 70 Meter lange, friesartige Leinenteppich schildert die Eroberung Englands durch die Normannen im Jahre 1066[9]

Im 11. Jahrhundert vermitteln Bildergeschichten hauptsächlich religiöse Darstellungen für die vorwiegend analphabetische Bevölkerung. Auch Moritatensänger unterstützen deren Erzählungen mittels Bildtafeln um Geschichten und politische Geschehnisse von Ort zu Ort zu tragen.[10]

Doch eines fehlt noch um den Siegeszug des erzählenden Bildes voranzutreiben. Der Buchdruck.

 

 

 

1.1.2 Der Buchdruck – Vom ausgehenden Mittelalter bis zum ausgehenden neunzehnten Jahrhundert

 

Die Entdeckung des Buchdrucks ermöglichte nun, dass auch das einfache Volk Zugang zu Bildergeschichten haben konnte. Waren bis dahin doch vor allem der Adel und der Klerus in den Genuss gekommen, so änderte sich die durch die Möglichkeit der schnellen Reproduktion. Zu beginn sicherlich waren die Möglichkeiten des Druckes noch sehr begrenzt um Werke wie Die zwölf Martern des St. Erasmus zu vervielfältigen und dem gewöhnlichen Volk außerhalb von Kirchen zugänglich zu machen, zumindest für Europa in jener Zeit. Wagt man Mitte des 16. Jahrhundert einen Blick nach China, welches auf dem Gebiet des Bedruckens von Papier schon wesentlich weiter war, so erfährt man, dass man dort populäre Romane für das nicht lesekundige Volk mit Bilderleisten oberhalb des Textes versehen hat.[11] Doch dies änderte sich auch in der Alten Welt im Laufe der Zeit, als Drucktechnik und Reproduktionstechnik verfeinert wurde. Und hier beginnt dann auch die eigentliche Comic-Vorgeschichte, da mit Steigerung der Auflagenzahl, Bildergeschichten mit dem Ziel entworfen wurden, auch Leserschichten anzusprechen, die reinen Texterzählungen ablehnend gegenüberstanden.[12]

Auch die Kunst der Bildergeschichten an sich wurde mit der Zeit immer mehr verfeinert, welche einen Höhepunkt in den Zeichnungen William Hogarths fand. Sein Zyklus A Harlot’s Progress  aus dem Jahre 1732, [erzählt] in lebendig gestalteten Bildern und mit einer Fülle an Details eine stark sozialkritisch gefärbte Geschichte, [...] [die] zunächst als Folge von Gemälden ausgestellt und später als Kupferstich-Portfolio verkauft [wurde]. Sowohl die Gemälde als auch die Stiche waren dazu konzipiert, im Zusammenhang betrachtet zu werden… als Sequenz.[13]

Seine Werke waren sogar so populär, das spezielle Urheberrechte ratifiziert wurden um jene neue Kunstform schützen zu lassen.[14]

Als Vater des Vorläufers des modernen Comics wird Rodophe Töpffer angesehen. Er verwandte erstmals Panel-Rahmen (Als Panel, wird ein einzelnes Bild innerhalb eines Comics bezeichnet[15]) und cartoonhafte Zeichnungen in heiteren, satirischen Bildergeschichten.[16] Auf Anraten Goethes, veröffentlichte der Schriftsteller, Künstler und Universitätsprofessor […] sein erstes Album „Histoire de Monsieur Jabot“. Darauf folgen noch sechs weitere Bände, die als „Genfer Novellen bekannt“ werden.[17] Diese Werke wurden dann nicht nur in französisch, sondern später sogar in deutsch, englisch und holländisch veröffentlicht.

Bis zum Ende des 19. Jahrhundert entstehen immer weitere und differenziertere Formen dieser Bildergeschichten. Der Bilderbogen, später dann Münchner Bilderbogen, bot auf einseitigen posterähnlichen Drucken informatorisch-belehrende Themen (aus Geschichte und Geographie, Volkskunde und Pädagogik) wie unterhaltsame Beiträge (Kasperspiele, Märchen […][18] , von namhaften Autoren wie Wilhelm Busch oder Franz Pocci. Während jene Geschichten von eher harmlos-heiterer Natur waren, so boten im Gegenzug dazu humoristisch-satirische Blätter wie Fliegende Blätter, Kladderadatsch oder Simplicissimus, auch kritische Bildergeschichten mit politischer Tendenz. Diese richteten sich dann auch an ein meist erwachsenes Publikum.

Doch auch wenn ein Virtuose wie Wilhelm Busch, über zwei Jahrzehnte hinweg rund hundertdreißig verschiedene Arbeiten vorlegte, so fehlte doch noch ein kleines Detail, um die Geburt des modernen Comics einzuleiten. Doch dazu muss man Europa verlassen und einen Blick über den Atlantik wagen.

 

1.1.3 Die Geburt des modernen Comics – Vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bis Heute.

 

Die Geburtstunde des ersten Comics ist nach mehrheitlicher Meinung der Comic-Forschung der 5. Mai 1895. An jenem Tag zeichnete Richard F. Outcault zum ersten Mal exklusiv für die Zeitung World einen Cartoon mit dem Titel Hogan’s Alley dessen Held ein Junge in einem knallgelben Nachthemd namens Yellow Kid war.[19] Strittig ist dieses Datum vor allem deshalb, weil es sich eigentlich eben doch noch nicht um einen Comic handelte, sondern immer noch um eine Bildergeschichte, da die begleitenden Texte, unterhalb der Zeichnungen zu lesen waren. Korrekterweise sollte man den 25. Oktober 1896 nennen, denn hier entstand erstmals eine Ausgabe von Hogan’s Alley, die Sprechblasen aufwies.[20]

Wesentlichster Verdienst Outcaults war es, der World zu besseren Verkaufszahlen zu verhelfen, was im Gegenzug andere Zeitungen dazu veranlasste, eben jene Idee aufzugreifen um ebenfalls mithilfe von Comic-Strips ihren Ausgaben mehr Attraktivität zu verleihen und somit weiteren Zeichnern die Türen zu öffnen. Damit waren die Vorraussetzungen geschaffen, dass der Comic im heutigen Sinne entstehen konnte[21]

Kurz nach dem Ende des 19. Jahrhunderts, waren die grundlegenden Elemente des Comics gegeben – feststehende Figuren, fortsetzende Handlung in Einzelbildern, Dialoge in Form von Sprechblase – doch hatte es sich bis dahin noch nicht als selbständiges Medium durchgesetzt. Die Zeitungsbeilagen waren noch immer ein Experimentierfeld verschiedenster Formate und Erzählformen. Selbst ein Name fehlte diesem neuen Medium noch. Erstmals berichtete The Bookman 1902 über jenes Phänomen und nannte es schlicht the new humor, später setzte sich dann der Begriff funnies durch und schließlich dann Comics.

Die Nachfrage in Bezug auf die Comic-Strips war dann schnell so groß, dass Sammelbände erschienen, die Nachdrucke früherer Strips enthielten; die ersten Comic-Books entstanden. Doch auch diese waren immer noch an den Zeitungsverlag gekoppelt, auch wenn sie später von speziell gegründeten Agenturen, den Feature Syndicates[22], übernommen wurden um eine Profitmaximierung der jeweiligen Serie erreichen zu können. Dies hatte auch zur Folge, dass Comics mit provokativ-aggressiven oder sozialkritischen Elementen abnahmen und harmlos-heitere oder abenteuerlich-unrealistische Comics den Markt dominierten, da diese sich in den ernsten Zeiten zwischen den Kriegen besser verkauen ließen.[23]

Eben diese Nachfrage nach Comics mit abenteuerlichen Inhalten während der Weltwirtschaftskrise und dem Rückgang der Pulps[24], verhalf den als Comic-Strips 1929 erschienenen Serien Tarzan oder Buck Rogers zum Erfolg, da sie die Flucht in eine heile Scheinwelt oder die Verdrängung von Problemen mit Hilfe unterhaltsamer Ablenkung ermöglichten.[25] Im gleichen Jahr erschienen diese Serien dann auch als geheftetes Comic-Book zunächst noch im Zusammenhang mit einer Zeitung, bis sie dann im Jahre 1934 als selbstständig zu erwerbendes Produkt verlegt wurden. Drei Jahre später entstanden dann die ersten Hefte mit Serien, die zuvor noch in keiner Zeitung als Strip erschienen. 1937 war der Comic nun unabhängig von Zeitungen, als eigenständiges Medium geboren.

Nun begann der Siegeszug der Superhelden. 1938 erschienen die Action Comics, das Heft in dem Superman auftrat und ein Jahr später die Detective Comics, die Plattform Batmans.

Aufgrund des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges, verlangte der Markt nach weiteren patriotischen Helden wie zum Beispiel Captain America aus dem Jahre 1941.

Neben den vielen Superhelden und –heldinnen, die in den 40er Jahren entstanden, ist schließlich noch die Entstehung der Educational Comics wichtig, bei denen Gebiete wie Naturwissenschaft, Religion, Geschichte usw. verarbeitet wurden, um diese vor allem Kindern und Jugendlichen zugänglicher zu machen, bzw. mit der Hoffnung, Informationen einfacher vermitteln zu können.[26]

Die Zeit vor, während und nach dem Weltkrieg, war die Hochzeit des Comics, allen voran der Superheldencomics, doch diese währte nicht. Auflagen gingen aufgrund mangelnder Nachfrage, zurück, was vor allem am neuen Konkurrenten des Comics lag, dem Fernsehen.

Dies führte dazu, dass sich Comic-Verleger wie Bill Gaines, der Sohn des Inhabers der Educational Comics, neue Genres erschließen mussten, um Leser zu gewinnen.

Bill erbte den Vertrieb seines Vaters Charles Gaines starb, und nutzte diesen Verlag um seine  Horror Comics zu verlegen, mit denen er große Erfolge feierte. Er stellt die komplette Produktion von Educational Comics auf Horror und Science Fiction um, nachdem er eine makabre Horror-Story in seinem Magazin War against Crime veröffentlichte, die ihm so gut gefiel, dass er nicht mal auf Leserreaktionen wartete.[27]

Mit dieser Aktion brachte Gaines eine Debatte ins Rollen, deren Ausläufer bis nach Europa zu spüren war und dem Comicgenre bis Mitte der 70er Jahre nachlasten wird, ja wenn nicht gar bis heute noch nicht aus dem Meinungsbild konservativer Kreise gänzlich verschwand.

Im Oktober 1948[28] berichtete Time erstmals über Jugendliche, die Straftaten nach dem Inhalt einer Comic-Lektüre, verübten. Ab jenem Zeitpunkt begann eine wahre Hexenjagd auf Comics. Hefte wurden öffentlich an Schulen verbrannt, Händler weigerten sich, bestimmte Comics zu verkaufen und als McCarthy Vorsitzender des Ausschusses antiamerikanischer Umtriebe wurde, [fand] die angebliche Bedrohung der Nation von außen durch den Kommunismus […] sein Pendant in einem Kreuzzug gegen die Comics als Gefahr von innen.[29]

Nach einem spektakulären Prozess gegen Gaines im Jahre 1954, bei dem jener kein besonders hilfreiches Bild in Bezug auf die Harmlosigkeit von Comics ablieferte und bei jenem berühmt gewordenen Schlagabtausch mit Senator Estes Kefauver endgültig zum Buhmann in der Öffentlichkeit wurde, spürte die gesamte Branche, dass sie nun reagieren müsse.

Kanada hatte zu diesem Zeitpunkt bereits sei gut fünf Jahren ein Gesetz verabschiedet, dass die Herstellung, den Druck und die Verbreitung von Crime-Comics, also Comics mit expliziter Gewaltdarstellung, mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren zu ahnden.

Im Oktober 1954 wurde die Comic Magazine Association of America (CMAA) gegründet, die den so genannten Comic-Code festlegte, der unter anderem die Darstellung von Sympathie zu Verbrechern, Misstrauen gegen Streiter für Recht und Gesetz oder auch Nacktheit in jeglicher Form verbot.[30]

Selbst Scheidung auf humoristische oder wünschenswerte Weise darzustellen war verboten.

Von nun an nahm der Handel nur noch Comics an, die ein Prüfsiegel der CMAA aufweisen konnten, welches als briefmarkenähnliches Siegel auf dem Deckblatt nach Prüfung des Comics aufgedruckt werden durfte.

In Deutschland führte die weltweit geführte Comic-Kritik zur Einrichtung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften,[31] der BPjS bzw. heutigen BPjM (Medien). Ein, immer wieder aufgrund so genannter „Killerspiele“ in die Schlagzeilen geratenes, Organ, welches seinen Ursprung einzig und allein in der Bekämpfung von Comics, in Deutschland vorwiegend Abenteuer-Comics, hat.

In den folgenden Jahren passierte zunächst nicht viel Neues, da die Kreativität aufgrund des Comic-Codes aus Angst vor Zensur, stark eingegrenzt wurde. Vorwiegend griff man das altbewährte Schema der Superhelden wieder auf, in Serien wie der Justice League, und es begann die Periode der so genannten Silver Age, wie dieser Zeitabschnitt später von Fans getauft wurde.

Einen neuen Weg beschritten mehrere Autoren Mitte der Siebziger, als sie Helden erstmal mit Problemen wie Rassendiskriminierung und Drogenkonsum konfrontierten. Auch bekannte Helden wie Spider-Man folgten diesem Beispiel und wurde ohne Siegel der CMAA, die Darstellung suchterzeugender Narkotika natürlich untersagte, veröffentlicht. Als daraufhin der Comic-Code geringfügig liberalisiert wurde, erlaubten es sich weitere Helden mit Problemen wie Alkoholismus etc. auseinanderzusetzen.[32]

Die siebziger Jahre waren vor allem geprägt durch einen Generationenwechsel.

Von nun an zeigten Comicfiguren bei weitem mehr charakterliche Tiefe und Persönlichkeit.

Interessant ist vor allem die Figur Wolverine, die 1982 erstmals auch eigenständig in einer von Claremont geschriebenen und von Frank Miller gezeichneten Miniserie auftreten konnte. Standen Superhelden bislang unzweifelhaft für die Tugendhaften, so ist Wolverine das genaue Gegenteil: Er raucht, trinkt, hat cholerische Anfälle und oft weder sich noch seine Kräfte unter Kontrolle.[33]

Der interessanteste Held der Achtziger wurde jedoch Batman, und auch hier spielte Frank Miller eine entscheidende Rolle. Er inszenierte 1986 mit The Dark Knight Returns […] eine hintergründige Demontage des Superheldenmythos.[34] Millers Protagonist ist ein psychopathischer Held, dessen Amoklauf ein radikaler Abgesang auf die Naivität und den tendenziell autoritären Charakter des Superheldengenres[35], ist.

Doch solche innovativen Comics blieben, bis auf wenige Ausnahmen eine Seltenheit, und waren wenn dann fast ausschließlich nur in der alternativen Comicszene zu finden, die sich schon seit den Sechzigern nicht vom Comic-Code beeinflussen ließen. Aufgrund großer Erfolge wie Todd McFarlanes „Spawn“ im Jahre 1993, in denen es weit rauer zur Sache ging[36], änderte sich dies auch in den Mainstream-Comics und der Comic-Code spielte von nun an praktisch keine Rolle mehr.[37]

Der Comic hat nun endlich den Stellenwert erreicht, den es, als literarische Kunstform unter vielen, verdient. Comic-Künstlern werden Lizenzen für Film und Fernsehen zu horrenden Summen abgerungen und selbst große Künstler wie Picasso lassen verlauten:

Ich bedaure in meinem Leben nur, dass ich nie einen Comic-Strip gezeichnet habe[38]

 

1.2 Exkurs: Der Manga. Eine Sonderform des Comics aus Japan.

 

Einer Erscheinungsform des Comics, soll hier in gesonderter Form Beachtung geschenkt werden – dem Manga. Diese besondere Form des Comics aus Japan, ist vor allem bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt, und jene Zielgruppe ist es, die wichtiger Bestandteil des zweiten Teils dieser Arbeit ist.

Japan verfügt derzeit über den größten Comic-Markt. Mehr als zwei Milliarden Comic-Magazine und –Bücher werden dort pro Jahr verkauft.[39]

Der Begriff Manga geht auf Katsushika Hokusai zurück, dessen Skizzenbücher bereits 1812 auch schon Bildfolgen enthielten. Abgeleitet aus den Suffixen man = spontan und ga = Bild. Diese Übersetzung ist die geläufigste und soll hier soweit genügen, da selbst die japanische, chinesische und internationale Fachliteratur in Bezug auf die Herkunft der beiden Silben in Bezug auf das Wort Manga noch zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen ist.

Außerhalb Japans ist der Manga lange unbekannt gewesen. Er verbreitete sich erst Anfang der Achtziger Jahre im asiatischen Raum, gelang dann in die USA und von dort dann auch nach Europa.[40]

Dies hatte mehrere Gründe. Der offensichtlichste Grund war wohl, dass man in Japan von hinten nach vorne und von unten nach oben liest. Ein Manga war nun eben genau auf jene Weise aufgebaut und es hätte erhebliche Mehrkosten verursacht, wenn dieses Layout an die westlichen Lesegewohnheiten angepasst werden hätte sollen. Des Weiteren sind Mangas fast ausschließlich in Schwarzweiß und die Geschichten oft bis zu tausend Seiten stark.[41]

Entscheidend war jedoch, dass dem Manga eine grundverschiedene Grammatik zugrunde liegt, die sich in Verdichtung der Erzählzeit, der Handlungsausschnitt, der pro Bild gezeigt wird, ist wesentlich kürzer. Die größere Synchronität zwischen Erzählzeit und erzählender Zeit führt somit auch zu jenem erheblichen Seitenumfang.

Jedes Bild bedeutet in der Regel einen neuen Aspekt der Handlung oder Situation, und so kann sich beispielsweise eine Kampfszene über zwanzig oder mehr Seiten erstrecken.[42]

Auch beziehen sich viele Inhalte der Mangas auf japanische Alltagssituationen, oder japanische Geschichte und Mythologie. Wegbereiter der Mangas im Westen waren somit vor allem Science-Fiction-Serien, die nicht so tief im japanischen Leben verankert waren, wie andere Geschichten.

Doch auch in Japan ist die Entwicklung der Mangas zum Massenphänomen relativ jung. Die Geschichte der Bilderzählungen beginnt zwar bereits im 12. Jahrhundert durch den Priester Toba, der Bildrollen, so genannte Chojugiga anfertigte, auch erblickte das erste japanische Comic bereits im Jahre 1902 das Licht der Welt, welches dann auch als Abgrenzung zu den bereits existierenden Karikaturen (ähnlich den europäischen, wie sie zu jener Zeit existierten), als Manga bezeichnet wurde, doch der Beginn einer eigenständigen Comic-Kultur, lässt sich auf das Jahr 1947 datieren, in dem mit dem „Manga Shonen“ das erste reine Comic-Magazin erschien[…].[43]

Pionier und Erfinder der dem Manga heute innewohnenden Erzähltechnik, war Osamu Tetzuka. Er erfand den erzählenden Manga, dessen Grammatik einzigartig im Comic-Genre ist. Fast die Hälfte seines Textes, kommt ohne Text aus. Knigge, einer der führenden Comic-Historiker, beschreibt auf eindrucksvolle Weise in seinem Buch Comics eine Szene, wie sie in einem von Tetzukas Werk vorkommt, und verdeutlicht damit diese andere Erzählweise:

Allein die Autofahrt zum Hafen, von dem aus der junge Held zur Schatzinsel aufbricht, erstreckt sich über neunundzwanzig Einzelbilder. Einziger Zwischenfall auf diesen acht Seiten, die ganz dem Aufbau der Spannung dienen und den Leser auf das Tempo der Erzählung einschwören: Der Held liest am Straßenrand einen Hund auf, der ihn fortan begleitet.[44]

Da der Grundstein nun gelegt wurde, stand der rasanten Entwicklung dieses bis heute einzigartigen Phänomens nichts mehr im Wege. Bereits in den sechziger Jahren überschritt die Auflage von Manga Shonen die Millionengrenze und rasch wurden neue Magazine gegründet. Das Angebot trennte sich schon früh in so genannte Shojo Manga, die sich auf die Zielgruppe der Mädchen und Frauen spezialisierten und Shonen Manga, vor allem auf Jungen und Männer abgestimmt. Nicht nur inhaltlich verschieden sondern auch durch stilistische und formale Merkmale abgegrenzt. Diese Spezialisierung auf eine bestimmte Zielgruppe, nahm in den letzten Jahren stark zu, so dass es inzwischen Mangas beispielsweise für ältere Frauen oder Angestellte gibt. Diese Trennung konnte wohl vor allem auch deswegen geschehen, da der Qualität der Geschichten generell mehr Bedeutung beigemessen wird, als den Zeichnungen.[45]

Mitte der Achtziger revolutionierte ein junger Zeichner mit seinem Epos Akira, der vor allem aufgrund seiner Verfilmung die gleichzeitig erschien, nun endlich auch den Manga in Europa und den USA etablierte, den japanischen Manga-Markt. Katsuhiro Otomo hat mit seinem Werk eine ganze Generation von japanischen Comic-Zeichnern beeinflusst, wodurch Serien wie Dragon Ball, Ranma ½ oder Sailormoon erst möglich wurden, die bis heute produziert und gelesen werden. Doch sein Einfluss wirkte sich nicht nur auf den Bereich der Mangas aus, sondern revolutionierte die gesamte Medienlandschaft in Japan. Der Erfolg von Otomos Zeichentrickverfilmung Akira, der Schritt vom stillen Bild, hin zum bewegten auf den Kinoleinwänden, ließ ein weiteres Mediengenre entstehen, den Anime. Abgeleitet vom englischen „animation“ -  für Animationsfilm stehend – entstanden nun hunderte von TV-Serien, Kinofilme und Anime-Kassetten.[46]

Erfolgsserien wie Sailormoon oder Dragonball Z waren es, die den deutschen Markt auf den Manga aufmerksam machten. Zunächst erst als „Kinderkram“ abgeurteilt, mussten sich einige deutsche Verleger im Jahre 2002 eingestehen, dass auf den traditionellen Sektoren eine Misere vorherrschte und der Verkauf von Mangas mittlerweile 70- 80 Prozent ihres Umsatzes ausmachten – dies lies dann die gesamte Branche aufhorchen und man begann, sich mit dem „Kinderkram“ zu beschäftigen. Doch hierfür war es mittlerweile zu spät und so konnten wichtige einheimische Comic-Veranstaltungen, wie die Comic-Börse in Erlangen, dieses Manko nicht mehr ausgleichen, da die Manga-Fans ihre eigene Szene, aufgrund der bis dahin groben Vernachlässigung etablierter Veranstaltungen, aufbauten -  die Animagic in Koblenz, die seit 1999 zur größten Ihrer Art zählt und Treffpunkt jener Szene ist.[47]



[1] Duden Fremdwörterbuch. Drosdowski, Günther [Hrsg.]. 5. Ausgabe. Mannheim: Dudenverlag, 1990. Seite 152.

[2] Anmerkung: Dies ist die populäre Version der Anfänge des Comics und soll hier erstmal genügen. Eine vollständigere Historie folgt in den Folgekapiteln.

[3] The Yellow Kid. Outcault, R. F. In: New York Post. USA, 1896.

[4] Andreas C. Knigge. Alles über Comics. Hamburg: Europa Verlag, 2004. Seite 21.

[5] Scott McCloud. Comics richtig lesen. Hamburg: Carlsen Verlag, 1994. Seite 22.

[6] Ebd. Zu räumlichen Sequenzen angeordnete, bildliche oder andere Zeichen, die Informationen vermitteln und/oder eine ästhetische Wirkung beim Betrachter erzeugen sollen. Seite 17.

[7] McCloud. Seite 20-21.

[8] Ebd. Seite 18.

[9] Ebd. Seite 20.

[10] Das kleine Comic-Lexikon. Feige, Marcel [Hrsg.]. Berlin: Schwarzkopf und Schwarzkopf, 2005. Seite 9.

[11] Feige. Seite 9.

[12] Alfred Pleuss. Bildergeschichten und Comics. Bad Honnef: Bock und Herchen, 1983. Seite 3.

[13] McCloud. Seite 24-25.

[14] Ebd. Seite 25.

[15] Andreas C Knigge. Comics. Hamburg: Rowohlt, 1996. Seite 331.

[16] McCloud. Seite 25.

[17] Feige. Seite 10.

[18] Pleuss. Seite 9.

[19] Knigge. Comics. Seite 17

[20] Knigge. Alles über Comics. Seite 12.

[21] Knigge. Comics. Seite 19.

[22] Pleuss. Seite 4.

[23] Pleuss. Seite 5.

[24] Ebd. Billige abenteuerliche Groschenromane. Seite 5.

[25] Ebd. Seite 5.

[26] Ebd. Seite 6.

[27] Feige. Seite 13.

[28] Knigge. Comics. Seite 140.

[29] Ebd. Seite 141.

[30] Knigge. Comics. Seite 141.

[31] Pleuss. Seite 11.

[32] Knigge. Comics. Seite 150.

[33] Ebd. Seite 153.

[34] Ebd. Seite 157.

[35] Ebd. Seite 157

[36] Jan Roesler. Spawn: A characterization. Eine Studienarbeit. Stuttgart, 1999. Seite 4ff.

[37] Knigge. Comics. Seite 160.

[38] Feige. Seite 17.

[39] Knigge. Comics. Seite 240.

[40] Knigge. Alles über Comics. Seite 20.

[41] Knigge. Comics. Seite 240.

[42] Ebd. Seite 241.

[43] Knigge. Comics. Seite 242.

[44] Ebd. Seite 243.

[45] Knigge. Comics. Seite 246.

[46] Ebd. Seite 252.

[47] Thomas Dräger und Sarah Forster. Die besten Mangas und Animes. Königswinter: Heel Verlag, 2004. Seite 11.

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