Mein Weg ins Schwarze

In der letzten Woche tauchte häufiger als sonst ein Spontis-Beitrag in meiner Facebook-timeline auf. Der Grund war schnell gefunden: Es handelt sich um den Gothic Friday, ein tolles Projekt, das diesen Monat, Menschen, die sich der schwarzen Szene zugehörig fühlen, die Möglichkeit bietet, zu erzählen, wie sie zu dieser kamen. (Ja, ich weiß, ich hab nen Kommata-Fetisch^^)
Da will ich mich doch anschließen!
Und auch wenn meiner nicht ganz so spektakulär ist, so war der Weg in die Szene für mich ein Paradigmenwechsel in meinem Leben und somit durchaus erzählenswert.

In der 80er auf die 90er Wende befand ich mich noch ganz heftig in einer Selbstfindungsphase und hatte bis dahin so gut wie jede Subkultur durch, die Westdeutschland bis dato zu bieten hatte. Ich war Popper, Punk, Skin, Redskin, Ted, Metaller, Hip-Hopper und den größten Teil der Anfang 90er va. Techno- und Housejünger.
Doch es gab in alle den Jahren immer wieder ein paar Bands, die mich nicht losließen und die mich immer wieder heimsuchten, auch wenn mir damals noch nicht klar war, was sie für mich später bedeuteten. Das waren Das Ich, The Cure, Depeche Mode, Silke Bischoff. Irgendetwas an diesen dunklen, melancholischen Klängen hatte mich immer wieder gefangen und zog mich magisch an und erst später sollte ich erfahren, was das war.
Irgendwann Anfang/Mitte der 90er war ich auf Sinnsuche… ich löste mich von meiner bisherigen Peergroup. Was vor allem daran lag, dass ich einen ganz anderen Weg für mich wählte, va schulisch und intellektuell. Ich krempelte mein bis dato eher abgefucktes Leben komplett um, hörte mit jeglicher Art von Drogen auf und hatte nur ein Ziel vor Augen: ein Studium. Mein bisheriger Freundeskreis bestand vorwiegend aus Schulabbrechern, Hilfsarbeitern und Kleinkrimininellen, von denen später die meisten entweder in der Klappse, dem Knast oder auf dem Friedhof landeten. Um das zu schaffen, musste ich also alle hinter mir lassen und somit va. erst mal alleine da stehen. Dies gelang dann auch. Ich holte mir mein Abitur und begann zu Studieren

Beginnend mit dem Interesse für die “schönen Künste”, die Literatur oder Philosophie, klopfte auch die Musik, die immer wieder mal vorbeischaute, an. Diesmal waren es Sopor Aeternus und Lacrimosa und diese waren dann auch die letzten Steine, die fehlten, um mich einer Subkultur zuzuwenden, der ich bis heute angehöre. Ich war fasziniert von dieser Melancholie. Ich war fasziniert von der Todesästhetik und ihrer unglaublichen Schönheit…. aber am meisten war es die Musik.
Also begann ich, sog gut wie kein Klischee der schwarzen Szene auszulassen: Farben wurden gänzlich verbannt. Und ich fühle mich bis heute physisch unwohl, wenn ich etwas anderes als schwarz trage. Ich begann dunkel-düstere Geschichten zu schreiben. Ich verschlung standesgemäß Vampirfilme, und schuf eine Webseite, die bis heute eine der größten Vampirfilmdatenbanken der Welt ist. Ich begann zu modeln, wie es jeder gute Gruft machte. Ich war im Xtra-Katalog (Ja, damals hieß der noch Xtra, ohne zweites X) und postete meine Bilder, wo auch immer ich konnte. War ich vorher eher mittelmäßig erfolgreich bei Frauen, bzw. hatte mich nur auf lange Beziehungen eingelassen und hatte kaum Selbstbewusstsein, so verhalf mir mein neues Selbst dazu, ein Lestat zu werden, der ich insgeheim wohl immer sein wollte.

Parallel dazu, ließ ich mich auch ins reale Gruft-Leben fallen. Nun gab’ es glücklicherweise im Raum Ludwigsburg und Stuttgart, ein paar legendäre Gruft-Schuppen. Die Scheune, ein heruntergekommener Laden, der auch gerne mal von Thilo Wolff besucht wurde, mit einer keifenden Anne an seiner Seite, die jedes Mädel, das Thilo zu nahe kam, mit den Augen ermordete und natürlich die RoFa, die Rockfabrik Ludwigsburg, bis heute eine Institution.

Mein Umfeld, also meine Eltern, Großeltern etc. nahmen meinen Wandel wohl wahr, taten ihn zunächst aber wohl als Phase ab, um später dann doch zu merken, dass das dann wohl jetzt doch ich bin. Inklusive der Fragen, ob man denn nicht mal was helleres anziehen möge, wenigstens wenn’s zu Verwandten geht etc. Aber ich habe mich gefunden und ich fühlte mich so unglaublich wohl in meiner schwarzen Schale, meinem anderssein mit allem was dazu gehört. Den befremdlichen und im zutiefst konservativen Schwaben va verächtlichen Blicken oder den “Satan”-Rufen, die einem hinterhergeschrien wurden.

Und nun bin ich 40, habe mein Diplom in Pädagogik und arbeite mit Flüchtlingen und problembelasteten Familien. Ich lebe nun das Klischee des alten Grufts und kann nach diesen vielen Jahren Selbsfindung zuvor, sagen, dass ich mein Ich fand. Und das habe ich vorwiegend Bands wie Sopor Aeternus, Mantus, Silke Bischoff und auch Das Ich zu verdanken und der tollsten, liebsten und va. friedlichsten Szene der Welt. Mein Dank gilt euch, die ihr einen Suchenden aufnahmt, als dieser umher irrte!

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2 Antworten auf Mein Weg ins Schwarze

  1. Robert sagt:

    Schön, dass du Dich anschließt. Sehr interessant zu lesen, dass du dein “abgefucktes” Leben hinter Dir gelassen hast, um in die Studium und/oder Szene einzutauchen. Teile meines Umfelds haben das bei mir genau andersherum wahrgenommen, als ich von “bunt” zu “schwarz” wechselte und sagten mir nun ein “abgefucktes” Leben nach. Das konnte ich natürlich zu keiner Zeit bestätigen. Für Dich ist “Schwarz” dann auch eher ein bisschen positiv belegt, denn die Sinnsuche hat ja offensichtlich ein Ende gefunden. Sind es also die Menschen und die Musik, die Dir ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln?

  2. nagumo sagt:

    Absolut richtig. Ich habe tatsächlich meine Identität und einen Sinn im “Schwarzen” in “der Szene” gefunden Und es war zunächst va. die Musik, aber dann auch ganz schnell die Menschen, die einfach genau so dachten wie ich und zwischen denen ich mich endlich wohlfühlte. Menschenansammlungen erfüllten und erfüllen mich bis heute mit Unbehagen. Nicht jedoch, wenn es Menschen aus der Szene sind, dort habe ich das Gefühl, die Augen schließen zu können und fühle mich gut.
    Da fällt mir ein, dass ein Schlüsselerlebnis für die Großartigkeit und Friedfertigkeit unserer “Szene”, das WGT 2000 war. Veranstalter und Security weg, aber es entstand kein Chaos, sondern die Menschen hörten aufeinander, wenn es zB in der Agra zu voll war, als L’ame spielten.

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